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Die politische Berichterstattung geht an der Realität vorbei
2004-08-14
Das Medienbild von Regierung, Opposition und Parlament 01 - 06/2003

Bonn, 14.08.2003: Die Berichterstattung, die sich an den politischen Realitäten zu orientieren vorgibt, verschiebt sie in Wirklichkeit – in die falsche Richtung. Die Analyse des Medienbildes von Regierung, Opposition und Parlament in den ersten sechs Monaten dieses Jahres zeigt das deutlich. Die Regierung ist ob ihrer vermeintlichen bundespolitischen Machtposition in der Berichterstattung omnipräsent. .

Die Opposition kann sich über die Medien nicht wirklich positionieren, in ihrer parlamentarischen Arbeit wird sie noch weniger wahrgenommen als in ihrer gesamten politischen Arbeit. Politik in den Medien ist somit nur eine mal mehr, mal weniger gelungene Image-Kampagne der Regierung. Die Meinungsführer-Medien werden so der Verantwortung nicht gerecht, die aus ihrer Agenda Setting-Macht resultiert – mit fatalen Auswirkungen auf den Reformstau in den Köpfen..

Sanktionsmöglichkeiten der Opposition werden durch die Medien eingeschränkt.

Das Ergebnis dieser Untersuchung ist ernüchternd. Ohnehin besteht im parlamentarischen Regierungssystem die Tendenz, daß die Opposition machtlos erscheint, weil die Regierung aus der Parlamentsmehrheit hervorgeht, die Kontrollfunktion in den meisten Fällen also nur von der Minderheit ausgeübt werden kann, die jedoch wenige Sanktionsmöglichkeiten hat. Eine, wenn nicht gar die mächtigste davon, ist die Öffentlichkeit. .

Gerade diese Möglichkeit nehmen die Meinungsführer-Medien dem Parlament aber weitgehend. Auf jede Aussage, die in den vergangenen sechs Monaten von oder über eine der im Parlament vertretenen Parteien gedruckt oder gesendet worden ist, kamen drei über die Regierung, also Bundeskanzler Gerhard Schröder, einen Bundesminister oder Mitarbeiter der Ministerien..

Während etwa die reichweitenstarken Nachrichten der Privatsender RTL, SAT.1 und PROSIEBEN, aber auch das Mainzer Polit-Magazin REPORT und die hochangesehene Hamburger ZEIT die Parlamentsreaktionen im Vergleich mit der Regierung praktisch ignorierten, hatte die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG den meisten Raum für den Bundestag. .

Das Zahlenverhältnis aller Informationen über Regierung und Parlament lag bei der FAS ebenso wie im RHEINISCHEN MERKUR und den TV-Politmagazinen PANORAMA (NDR) und KONTRASTE (RBB) bei weniger als 2:1. Das Verhältnis verschiebt sich sogar noch deutlicher zugunsten der rot-grünen Regierung, je nachdem, welches Thema die Berliner Korrespondenten anschnitten: So lag der Anteil der Bundestagsfraktionen in der Berichterstattung im ersten Halbjahr bei den Themen Verbraucherschutz, Bildung oder Verkehr im Vergleich zur Regierung bei etwa 1:9 oder darunter. Selbst beim Thema Haushalt, Krone der parlamentarischen Rechte, lag das Verhältnis noch unterhalb des Durchschnitts (1:5)..

Glaubt man der Berichterstattung, ist Politik immer noch Männersache.

Daß die Medien ein verzerrtes Bild des Parlaments zeichnen, läßt sich auch am Frauenanteil in der Berichterstattung ablesen. Die Parteien haben in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen, etwa über Quoren mehr Politikerinnen in entscheidende Positionen zu bringen. Im 15. Deutschen Bundestag beträgt der Frauenanteil unter den Abgeordneten inzwischen knapp ein Drittel. In der Berichterstattung über die Parlamentarier dominieren die Männer aber deutlich stärker. Damit verstärken die Berichterstatter das Bild, daß Politik immer noch Männersache ist. Blickt man auf den gewaltigen Überhang, den der Bundeskanzler im Vergleich zu den anderen Abgeordneten in der Berichterstattung genießt, könnte eine Bundeskanzlerin für eine Verschiebung sorgen. Bis dahin müßte sich allerdings das Frauenbild der Berichterstatter noch ändern. .

Weitere Informationen: .

Michael Schlipper.

Medien Tenor GmbH.

Kurt-Schumacher-Str. 2.

53113 Bonn.

Tel: 0228/93 444 0.

Fax: 0228/93 444 93.

m.schlipper@innovatio.de .

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