Zürich, 28.9.2009: „Beide Kandidaten konnten die Medien nicht überzeugen“ lautete das Ergebnis der Media Tenor-Analyse in der Woche unmittelbar vor der Wahl, während hier und da noch vom Erfolg Steinmeiers nach dem TV-Duell zu lesen war. In jedem Wahlkampf werden seit Jahren dieselben Muster sichtbar: zweifelhafter Einsatz von Umfragen und ein schwacher Fokus auf die Sachfragen – doch alle glauben, nach der Wahl mit den Resultaten leben zu können. „Zum Sieger können sich nur Zyniker erklären“, warnt Roland Schatz, Chefredakteur und Gründer von Media Tenor vor einem schnellen Übergang zur Tagesordnung. „Die ‚Partei´ der Nicht-Wähler wächst von Wahl zu Wahl und hat mit knapp 30 Prozent Dimensionen angenommen, die weder das politische System auf Dauer verkraften kann noch die Medien“, so Schatz.
Die Art und Weise, wie in Deutschland und im Ausland das Handeln von Politikern und die politischen Abläufe von den Medien vermittelt werden, ist in der Langfrist-Analyse von Media Tenor transparent geworden: „Minister, Mitarbeiter von Ministerien – gleich welcher Couleur – werden als Versager dargestellt. Ergebnisse im Politik-Teil scheinen Journalisten nur dann zu interessieren, wenn sie tatsächlich oder auch nur vermeintlich negativ sind“, erläutert Dr. Christian Kolmer, Leiter der Politikanalyse bei Media Tenor. Dies führt nicht nur zu einer Abkehr von den „Volks-Vertretern“, sondern raubt auch den Medien ihre Basis.
Gemäß der jüngsten PEW-Umfrage ist die Glaubwürdigkeit von Journalisten bei der amerikanischen Bevölkerung auf einen weiteren Tiefpunkt gesunken. Die gekündigten Zeitungsabonnements sprechen nicht nur jenseits des Atlantiks eine klare Sprache. „Warum wird im Politik-Ressort etwas als ‚State of the Art´ akzeptiert, was im Wirtschaftsteil, im Feuilleton oder selbst im Sport nie vom Publikum hingenommen würde“, fragt Schatz: „Bei der Vorstellung des neuen Audi werden auch nicht die Wettbewerber von BMW, DC oder Jaguar um ein Urteil gefragt, sondern unabhängige Fachleute. Im Feuilleton werden nicht nur Verrisse gedruckt.“ Doch die Media Tenor-Daten zeigen, dass auf eine positive Aussage über einen Politiker mindestens 4 negative Stellungnahmen kommen – vom politischen Wettbewerber. Experten dagegen erhalten weniger als 5% Raum in der Politik-Berichterstattung.
Vom 18. bis 20.November 2009 diskutieren Journalisten, Vertreter aus Politik und Wirtschaft die aktuellen Ergebnisse der Medienwirkungsforschung mit Blick auf die Europa-Wahlen, die US Presidential Campaign 2008 sowie die Bundestagswahl 2009. www.agendasetting.com
Media Tenor untersucht die politische Berichterstattung in Deutschland kontinuierlich seit 1994. Für diese Analyse wurden insgesamt 304.481 Nachrichtenbeiträge in der Bild-Zeitung, Spiegel und Focus, ARD Tagesschau und Tagesthemen, ZDF heute und heute journal sowie RTL Aktuell ausgewertet. Davon bezogen sich 11.181 hauptsächlich auf Bundesminister, 1.039 auf ihre Ministerien.
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